Angst vor Entscheidungen? Warum Nicht-Entscheiden selten Sicherheit bringt
- Daniela Seidel

- 29. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Aug.
In den meisten meiner Sitzungen treffe ich immer wieder auf diese Fragen:
"Wie soll ich mich entscheiden?"
"Muss ich das jetzt schon entscheiden?"
"Kann ich damit nicht noch warten?"
"Wann ist denn der richtige Zeitpunkt für diese Entscheidung?"
Hinter diesen Fragen steckt meist nicht fehlendes Wissen. Die meisten Menschen kennen ihre Möglichkeiten, ihren Wunsch und Ihr Ziel bereits sehr gut. Was sie zurückhält, ist die Angst, die falsche Entscheidung zu treffen.
Doch genau hier liegt ein wichtiger Gedanke, den ich meinen Klientinnen und Klienten immer wieder mitgebe:
Nicht zu entscheiden ist ebenfalls eine Entscheidung.
Denn wenn wir eine Entscheidung immer weiter aufschieben, entscheiden wir uns zunächst dafür, dass alles so bleibt, wie es gerade ist.
Oder wir geben die Verantwortung ab und hoffen, dass die Zeit, die Umstände oder andere Menschen irgendwann für uns entscheiden.
Beides hat Konsequenzen – auch wenn es sich zunächst nach dem sichereren Weg.
Unser Gehirn liebt Sicherheit
Unser Gehirn ist nicht darauf ausgelegt, uns glücklich zu machen. Seine wichtigste Aufgabe ist es, uns zu schützen.
Es sucht nach Sicherheit, Vorhersehbarkeit und möglichst wenig Risiko.
Wie leicht oder schwer uns Entscheidungen fallen, hängt deshalb nicht nur von der aktuellen Situation ab. Einen großen Einfluss haben auch unsere bisherigen Erfahrungen. Je nachdem, wie wir in unserer Kindheit und im Laufe unseres Lebens Entscheidungen erlebt haben, verbindet unser Gehirn sie mit Vertrauen – oder mit Unsicherheit.
Vielleicht wurdest du für eigene Entscheidungen kritisiert.
Vielleicht wurden wichtige Entscheidungen häufig für dich getroffen.
Vielleicht hast du erlebt, dass Fehler unangenehme Konsequenzen hatten oder dass Erwartungen anderer wichtiger waren als deine eigenen Bedürfnisse.
Dann ist es nur verständlich, dass dein Gehirn heute versucht, Risiken möglichst zu vermeiden. Vielleicht gehörst du zu den Menschen, die lieber auf Nummer sicher gehen. Die erst entscheiden möchten, wenn wirklich alle Zweifel ausgeräumt sind und jede Eventualität bedacht wurde.
Wenn du dich darin wiedererkennst, bist du damit nicht allein.
Der Wunsch nach der perfekten Entscheidung
Viele Menschen behandeln Entscheidungen so, als gäbe es genau einen richtigen Weg.
Als wäre jede Entscheidung eine Abschlussprüfung, die entweder bestanden oder nicht bestanden wird.
Doch das Leben funktioniert nicht nach diesem Prinzip.
Wir können heute nicht wissen, wie sich ein neuer Job entwickeln wird.
Wir können nicht sicher sein, wie sich eine Beziehung verändert.
Wir können nicht vorhersagen, welche Möglichkeiten sich in einem Jahr ergeben.
Trotzdem warten viele Menschen auf den Moment, in dem sie sich endlich hundertprozentig sicher fühlen.
Ich muss dich leider enttäuschen.
Dieser Moment kommt meistens nicht.
Nicht weil mit dir etwas nicht stimmt.
Sondern weil Entscheidungen fast immer bedeuten, einen Teil der Unsicherheit auszuhalten.

Nicht entscheiden hat ebenfalls Konsequenzen
Genau an dieser Stelle passiert etwas Spannendes.
Viele Menschen glauben, sie würden neutral bleiben, solange sie keine Entscheidung treffen.
Doch Neutralität gibt es hier nicht.
Wenn ich mich heute nicht entscheide, entscheide ich mich vielleicht dafür,
weiterhin in einer Beziehung zu bleiben, die mich unglücklich macht,
in einem Beruf zu bleiben, der mich Kraft kostet,
meine Bedürfnisse wieder hintenanzustellen,
weiter auf den perfekten Zeitpunkt zu warten,
mein Leben unverändert fortzuführen.
Das fühlt sich häufig sicherer an, weil wir aktiv nichts verändern.
Tatsächlich verändert sich jedoch trotzdem etwas.
Die Zeit vergeht.
Beziehungen entwickeln sich.
Chancen ziehen vorbei.
Und manchmal lassen wir es dadurch sogar zu, dass Menschen für uns entscheiden, weil wir es nicht getan haben.
Nicht zu entscheiden bedeutet deshalb nicht, keine Verantwortung zu tragen.
Es bedeutet lediglich, die Verantwortung auf eine andere Art zu übernehmen.
Fehler sind kein Beweis dafür, dass du falsch entschieden hast
Hinter vielen Entscheidungsschwierigkeiten steckt die Angst, Fehler zu machen.
Doch vielleicht lohnt sich ein Perspektivwechsel.
Was wäre, wenn Fehler gar nicht das Gegenteil von einer guten Entscheidung wären?
Was wäre, wenn sie ein ganz normaler Teil des Lebens wären?
Kein Mensch entwickelt sich, ohne Erfahrungen zu machen.
Wir lernen laufen, indem wir hinfallen.
Wir lernen Beziehungen, indem wir verletzt werden.
Wir lernen Grenzen zu setzen, indem wir manchmal zu spät Nein sagen.
Wir lernen das Leben nicht durch perfekte Entscheidungen.
Wir lernen durch Erfahrungen.
Natürlich fühlt sich niemand gerne unsicher oder macht absichtlich Fehler.
Aber der Versuch, Fehler vollständig zu vermeiden, führt oft dazu, dass wir gar nicht mehr handeln.
Und genau das hält uns fest.
Werte sind ein besserer Kompass als Perfektion
In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), mit der ich arbeite, geht es nicht darum, immer die perfekte Entscheidung zu treffen.
Es geht vielmehr darum, sich zu fragen:
Welche Entscheidung bringt mich dem Menschen, der ich bin oder sein möchte, ein kleines Stück näher?
Genau hier kommen unsere Werte ins Spiel.
Werte sind keine Ziele, die wir irgendwann erreichen und abhaken können.
Sie geben unserem Leben eine Richtung.
Vielleicht ist dir Ehrlichkeit wichtig.
Oder Verbundenheit.
Oder Freiheit.
Oder persönliches Wachstum.
Wenn wir unsere Werte kennen, werden Entscheidungen oft klarer.
Nicht weil sie plötzlich leicht sind.
Sondern weil wir wissen, wofür wir sie treffen.
Dann entscheiden wir nicht gegen unsere Angst.
Wir entscheiden für das Leben, das wir führen möchten.
Selbstwirksamkeit beginnt im Kleinen
Wir treffen jeden Tag unzählige Entscheidungen.
Viele davon laufen automatisch ab.
Andere schieben wir immer wieder vor uns her.
Dabei wird oft unterschätzt, wie wichtig kleine Entscheidungen für unser Selbstvertrauen sind.
Jedes Mal, wenn wir bewusst eine Entscheidung treffen, machen wir eine Erfahrung.
Wir erleben, dass wir Einfluss auf unser Leben haben.
Psychologen sprechen hier von Selbstwirksamkeit – dem Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Herausforderungen bewältigen zu können.
Deshalb müssen wir nicht mit den großen Lebensfragen beginnen.
Wir dürfen üben.
Eine Einladung annehmen oder absagen.
Ein ehrliches Gespräch führen.
Um Hilfe bitten.
Etwas Neues ausprobieren.
Jede kleine Entscheidung stärkt das Vertrauen in die nächste.
Die Angst darf mitkommen
Viele Menschen glauben, sie müssten erst mutig werden, bevor sie handeln können.
Ich sehe das anders.
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Mut bedeutet, die Angst an die Hand zu nehmen und trotzdem loszugehen.
Denn Angst verschwindet selten, bevor wir handeln.
Häufig wird sie erst kleiner, nachdem wir den ersten Schritt gemacht haben.
Vielleicht wartet dein Gehirn auf absolute Sicherheit.
Doch dein Leben wartet nicht.
Die meisten Entscheidungen sind nicht endgültig
Unser Gehirn behandelt viele Entscheidungen so, als würden wir einen Vertrag für den Rest unseres Lebens unterschreiben.
Dabei stimmt das nur den seltensten Fällen.
Das Leben ist beweglich.
Menschen entwickeln sich.
Rahmenbedingungen verändern sich.
Neue Erfahrungen führen zu neuen Erkenntnissen.
Und manchmal merken wir unterwegs, dass ein anderer Weg besser zu uns passt.
Das ist kein Scheitern.
Das ist Entwicklung.
Es gibt nur wenige Entscheidungen im Leben, die unumkehrbar sind.
Die meisten dürfen wir später noch einmal überprüfen, anpassen oder neu treffen.
Vielleicht nimmt allein dieser Gedanke schon etwas Druck heraus.
Entscheiden heißt leben
Vielleicht geht es im Leben gar nicht darum, immer die perfekte Entscheidung zu treffen.
Vielleicht geht es vielmehr darum, überhaupt Entscheidungen zu treffen.
Denn jede Entscheidung bringt Bewegung.
Sie schenkt uns Erfahrungen.
Sie lässt uns wachsen.
Und sie zeigt uns, was wirklich zu uns passt.
Wenn du gerade vor einer Entscheidung stehst, die du schon lange vor dir herschiebst, möchte ich dir einen Gedanken mitgeben.
Frage dich heute nicht:
„Was ist die richtige Entscheidung?“
Frage dich stattdessen:
„Welche Entscheidung bringt mich meinem Leben, meinen Werten und dem Menschen, der ich sein möchte, einen kleinen Schritt näher?“
Vielleicht ist das genau der Schritt, den du heute gehen kannst.
Nicht, weil du keine Angst mehr hast.
Sondern weil du beschlossen hast, dass deine Angst nicht länger über dein Leben entscheiden soll.
Du musst schwierige Entscheidungen nicht alleine treffen
Wenn du merkst, dass dich Entscheidungen immer wieder lähmen, du aus Angst vor Fehlern feststeckst oder das Gefühl hast, dein Leben eher zu verwalten als bewusst zu gestalten, kann psychotherapeutische Begleitung helfen.
In meiner Privatpraxis für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz in Würzburg unterstütze ich Menschen dabei, wieder mehr Vertrauen in sich selbst zu entwickeln, die eigenen Werte als Orientierung zu nutzen und trotz Unsicherheit handlungsfähig zu werden.
Denn nicht die eine richtige Entscheidung verändert unser Leben.
Sondern der Mut, bewusst Entscheidungen zu treffen.



