Ein wichtiges Puzzlestück: Bereitschaft zur Veränderung
- Daniela Seidel

- vor 6 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Veränderung beginnt nicht damit, dass wir alles verstanden haben. Sondern damit, dass wir bereit sind, etwas anders zu tun.
Es gibt etwas, das mir in meiner Arbeit besonders wichtig ist:
Veränderung braucht Bereitschaft.
Nicht die Bereitschaft, alles gutzufinden, was gerade ist
.Nicht die Bereitschaft, unangenehme Gefühle einfach auszuhalten.
Und auch nicht die Bereitschaft, sich selbst zu etwas zu zwingen.
Sondern zunächst die Bereitschaft, wirklich hinzuschauen.
Was passiert gerade in mir?
Wie reagiere ich?
Was denke ich?
Wo drehe ich mich gedanklich immer wieder im Kreis?
Was vermeide ich vielleicht, weil es unangenehm oder beängstigend ist?
Und wo bin ich so sehr in meinen Gedanken verstrickt, dass ich kaum noch bemerke, dass ich immer wieder dieselbe Runde drehe?
Verstehen allein verändert noch nichts
Wir können unglaublich viel über uns verstehen.
Wir können erkennen, warum uns Grenzen schwerfallen.
Warum bestimmte Situationen Angst auslösen.
Warum wir Konflikten aus dem Weg gehen.
Warum wir uns in Beziehungen zurücknehmen oder Entscheidungen immer wieder hinauszögern.
Dieses Verstehen kann wichtig sein. Es kann entlasten und Zusammenhänge sichtbar machen.
Aber wir können uns selbst auch hervorragend erklären – und trotzdem weiterhin genau dasselbe tun.
Vielleicht weißt du längst: „Ich müsste früher Nein sagen.“
Du verstehst deine Angst vor Ablehnung.
Du kennst vielleicht sogar ihre Geschichte.
Du kannst ganz genau erklären, warum es dir schwerfällt, andere zu enttäuschen.
Und beim nächsten Mal hörst du dich trotzdem wieder „Ja“ sagen, obwohl in dir längst alles „Nein“ ruft.
Das bedeutet nicht, dass das Verstehen nichts gebracht hat.
Es bedeutet nur:
Erkenntnis ist noch keine Handlung.
Ein bisschen wie beim Muskelaufbau
Stell dir vor, du möchtest Muskeln aufbauen.
Du kannst die besten Trainingsvideos anschauen.
Du kannst alles über Muskelaufbau lesen.
Du kannst wissen, welche Übungen besonders sinnvoll sind.
Und das passende Proteinpulver kann schon im Küchenschrank stehen.
Aber wenn du den Muskel nicht benutzt, wird sich wenig verändern.
Irgendwann musst du anfangen zu trainieren.
Vielleicht zunächst mit wenig Gewicht.
Vielleicht musst du eine neue Übung ausprobieren.
Vielleicht fühlt sich eine Bewegung ungewohnt an.
Vielleicht merkst du, dass etwas, das im Video ganz einfach aussah, für dich zunächst ziemlich anstrengend ist.
Und trotzdem entsteht genau dadurch Entwicklung.
Mit psychischer Veränderung ist es ähnlich.
Du kannst sehr viel verstehen.
Du kannst analysieren.
Du kannst fühlen.
Aber irgendwann braucht es auch eine Erfahrung.
Eine Handlung.
Etwas, das du tatsächlich anders machst.

Wenn Denken allein uns nicht mehr weiterbringt
Gerade beim Grübeln oder Overthinking sehen wir sehr gut, wie viel Denken stattfinden kann, ohne dass sich tatsächlich etwas verändert.
Wir analysieren eine Situation wieder und wieder.
Was hätte ich anders machen können?
Warum habe ich so reagiert?
Was bedeutet das?
Was, wenn ich einen Fehler gemacht habe?
Und manchmal fühlt es sich an, als müssten wir nur noch ein bisschen länger darüber nachdenken, um endlich die Lösung zu finden.
Aber wenn wir uns gedanklich immer wieder im Kreis drehen, bewegen wir uns trotzdem nicht vom Fleck.
Vielleicht haben wir längst verstanden, was passiert ist.
Dann lautet die nächste Frage möglicherweise nicht mehr:
„Warum bin ich so?“
Sondern:
„Was hält mich noch zurück es anders zu machen?“
Auch Gefühle dürfen da sein – und trotzdem müssen wir nicht auf Angstfreiheit warten
Natürlich geht es nicht darum, Gefühle zu übergehen.
Angst darf da sein.
Trauer darf da sein.
Wut, Unsicherheit, Scham oder Enttäuschung dürfen Raum bekommen.
Aber manchmal warten wir darauf, dass sich ein Schritt irgendwann völlig richtig und leicht anfühlt.
„Wenn ich keine Angst mehr habe, spreche ich das Thema an.“
„Wenn ich mich sicherer fühle, sage ich Nein.“
„Wenn meine Zweifel weg sind, treffe ich die Entscheidung.“
Nur kann es sein, dass diese Sicherheit nicht vor der Handlung entsteht.
Sondern erst durch die Erfahrung:
Ich habe es getan – obwohl ich unsicher war.
Kleine engagierte Handlungen
In der Akzeptanz- und Commitment Therapie spricht man auch von engagiertem Handeln – von Schritten, die sich an dem orientieren, was uns wichtig ist.
Dabei muss es nicht sofort die große Veränderung sein.
Oft sind es kleine Schritte.
Wenn dir beispielsweise Selbstachtung wichtig ist, könnte ein Schritt sein, nicht mehr reflexartig Ja zu sagen:
„Ich denke kurz darüber nach und gebe dir später Bescheid.“
Wenn dir Ehrlichkeit in einer Beziehung wichtig ist, könnte ein Schritt sein, etwas anzusprechen, obwohl du Angst vor der Reaktion des anderen hast.
Wenn du deine eigenen Bedürfnisse ernster nehmen möchtest, kann ein erster Schritt sogar darin bestehen, sie überhaupt wahrzunehmen.
Oder wenn du lernen möchtest, Grenzen zu setzen, könnte dein nächster Schritt sein, eine kleine Grenze auszusprechen – auch wenn deine Stimme dabei noch ein bisschen unsicher klingt.
Veränderung muss nicht spektakulär anfangen.
Aber irgendwann braucht sie Handlung.
Bereitschaft heißt nicht, dass du keine Angst hast
Das ist mir besonders wichtig.
Bereitschaft bedeutet nicht: „Jetzt fühle ich mich endlich mutig.“
Du kannst bereit sein und gleichzeitig Angst haben.
Du kannst bereit sein und zweifeln.
Du kannst bereit sein und Hemmungen haben.
Dein Kopf kann gleichzeitig hundert Argumente liefern, warum heute ganz sicher nicht der richtige Zeitpunkt ist.
Bereitschaft könnte dann heißen:
„Ja, die Angst ist da. Und trotzdem möchte ich diesen kleinen Schritt gehen.“
Nicht gegen dich.
Sondern in eine Richtung, die dir wichtig ist.
Vier Fragen, wenn du merkst, dass du feststeckst
Vielleicht helfen dir diese Fragen:
Was habe ich längst verstanden, ohne daraus bisher etwas zu verändern?
Worauf warte ich gerade noch – mehr Sicherheit, mehr Mut, völlige Gewissheit oder darauf, dass die Angst verschwindet?
Was wäre eine kleine Handlung, die zu dem Menschen passt, der ich sein möchte?
Bin ich bereit, diesen Schritt zu gehen, auch wenn Zweifel, Unsicherheit oder Angst dabei mitkommen?
Dabei geht es nicht darum, dich zu drängen.
Manchmal ist gerade noch nicht der richtige Moment.
Auch das darf sein.
Und trotzdem macht es einen Unterschied, ob wir bewusst entscheiden, noch nicht zu handeln – oder ob wir seit Monaten warten das Veränderung einfach durch langes Denken, Abwarten oder Aushalten passiert.
Veränderung beginnt nicht nur im Kopf
Manchmal brauchen wir Zeit, um etwas zu verstehen.
Manchmal müssen wir erst fühlen, was lange keinen Platz hatte.
Manchmal müssen wir lernen, unsere Gedanken überhaupt als Gedanken wahrzunehmen, statt ihnen automatisch zu folgen.
All das gehört dazu.
Und irgendwann kann ein Punkt kommen, an dem wir sagen:
Ich habe hingeschaut. Ich habe verstanden.
Und jetzt möchte ich ausprobieren, etwas anders zu machen.
Nicht perfekt.
Nicht ohne Angst.
Vielleicht nur einen kleinen Schritt.
Aber einen echten selbst bestimmten Schritt.
In meiner Praxis für Psychotherapie nach dem Heilpraktiker Gesetz in Würzburg arbeite ich unter anderem mit Elementen der Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Dabei geht es mir nicht nur darum, gemeinsam zu verstehen, warum bestimmte Gedanken, Gefühle oder Verhaltensmuster entstanden sind.
Mich interessiert auch:
Was ist dir wichtig?
Wie möchtest du mit dir selbst und deinem Leben umgehen?
Und:
Welchen kleinen Schritt bist du bereit, in diese Richtung zu gehen?
Denn Veränderung beginnt nicht erst dann, wenn sich alles sicher und richtig anfühlt.
Manchmal beginnt sie genau in dem Moment, in dem du sagen kannst:
„Es fühlt sich ungewohnt an. Ich habe Zweifel. Und ich probiere es trotzdem.“

