Nicht gut genug?

Warum wir uns klein machen – und was uns das manchmal bringt.
Wie viele Türen hast du schon gar nicht erst geöffnet, weil du überzeugt warst, dass du sowieso nicht hineinpasst?
Vor Kurzem ist mir in einer Sitzung wieder aufgefallen, wie selbstverständlich wir manchmal über uns selbst urteilen.
Nicht hübsch genug.
Nicht schlau genug.
Nicht interessant genug.
Nicht stylish genug.
Nicht souverän genug.
Nicht erfahren genug.
Zu wenig für diesen Menschen.
Zu wenig für diesen Job.
Zu wenig für diese Gelegenheit.
Und das Erstaunliche daran: Häufig wurde überhaupt noch nichts ausprobiert.
Es gab noch keine Bewerbung. Noch kein Gespräch. Noch kein Date. Noch kein Nein.

Die Ablehnung hat bereits im eigenen Kopf stattgefunden.
Von außen betrachtet wirkt die Einschätzung manchmal völlig unverständlich. Andere Menschen sehen Fähigkeiten, Attraktivität, Kompetenz oder Persönlichkeit. Nur die betreffende Person selbst scheint davon überzeugt zu sein:
„Für mich gilt das nicht. Ich bin einfach nicht gut genug.“
"Ich bin nicht gut genug." - Wenn der innere Bewerter zur vermeintlichen Wahrheit wird
Wir vergleichen uns ständig.
Mit Kolleg:innen.
Mit Freund:innen.
Mit Menschen auf Social Media.
Mit der Frau, die scheinbar mühelos gut aussieht.
Mit dem Kollegen, der selbstbewusst auftritt.
Mit Menschen, die beruflich schon dort sind, wo wir gerne wären.
Mit unseren Eltern und ihren Standards.
Vergleiche sind nicht grundsätzlich problematisch. Sie können uns Orientierung geben und sogar motivieren.
Schwierig wird es, wenn daraus ein inneres Ranking entsteht, bei dem wir selbst erstaunlich zuverlässig den letzten Platz belegen.
Der innere Bewerter sammelt dann Beweise:
„Sie ist viel schöner als ich.“
„Der kann das viel besser.“
„Für diese Stelle gibt es garantiert qualifiziertere Menschen.“
„Warum sollte ausgerechnet er sich für mich interessieren?“
Irgendwann klingt das nicht mehr wie eine Meinung.
Es klingt wie eine Tatsache, wie die Realität.
Dabei lohnt sich genau an dieser Stelle eine einfache Frage:
Stimmt das eigentlich wirklich?
Wo ist der Gegenbeweis?
Wenn wir lange von etwas überzeugt sind, suchen wir meistens nicht mehr neutral nach Informationen.
Wir nehmen eher das wahr, was unsere bestehende Geschichte bestätigt.
Du bist überzeugt, nicht kompetent genug für eine Stelle zu sein?
Dann fällt dir sofort die eine Anforderung auf, die du nicht erfüllst.
Die sieben Punkte, die hervorragend passen, werden nebensächlich.
Du denkst, jemand sei „eine Nummer zu groß“ für dich?
Dann findest du zehn Gründe dafür – und übersiehst vielleicht vollkommen, dass dieser Mensch von sich aus deine Nähe sucht.
Deshalb kann es hilfreich sein, ganz bewusst nach dem Gegenbeweis zu suchen.
Nicht, um sich einzureden: „Ich bin die Beste.“
Sondern um wieder realistischer zu werden.
Vielleicht lautet die Wahrheit nämlich weder:
„Ich bin nicht gut genug.“
noch:
„Ich bin allen überlegen.“
Vielleicht lautet sie schlicht:
„Ich weiß noch gar nicht, was passiert, wenn ich es versuche.“
Und das eröffnet plötzlich Möglichkeiten.
Die spannendere Frage:
Was habe ich davon, mich klein zu machen?
Diese Frage mag zunächst irritieren.
Denn natürlich entscheidet sich niemand morgens bewusst:
„Heute mache ich mich mal möglichst klein.“
Und trotzdem kann es einen Nutzen haben.
Oder genauer gesagt: eine Schutzfunktion.
Wenn ich überzeugt bin, dass ich sowieso keine Chance habe, muss ich mich nicht bewerben.
Dann kann ich auch nicht abgelehnt werden.
Wenn ich mir einrede, dass jemand viel zu attraktiv oder interessant für mich ist, muss ich keinen Kontakt aufnehmen.
Dann kann ich keinen Korb bekommen und Ablehnung erfahren.
Wenn ich davon ausgehe, dass ich etwas ohnehin nicht kann, muss ich es nicht ausprobieren.
Dann kann ich auch nicht scheitern.
„Ich bin nicht gut genug“ kann damit zu einer erstaunlich wirksamen Sicherheitsstrategie werden.
Die Strategie schützt vor Enttäuschung.
Leider schützt sie gleichzeitig auch vor neuen Erfahrungen.
Vor Erfolg.
Vor Nähe.
Vor Entwicklung.
Vor der Erfahrung: „Vielleicht kann ich das ja doch.“
Wenn Sicherheit wichtiger wird als Möglichkeit
Das Schwierige an solchen Schutzstrategien ist, dass sie kurzfristig tatsächlich funktionieren.
Nicht bewerben = keine Absage.
Nicht ansprechen = kein Korb.
Nichts Neues ausprobieren = kein sichtbarer Fehler.
Das Nervensystem bekommt zunächst genau das, wonach es sucht: Sicherheit.
Langfristig kann daraus jedoch Stillstand entstehen.
Wir verharren in einem Leben, das vielleicht längst zu klein geworden ist, weil das Risiko einer neuen Erfahrung unangenehmer erscheint als das Bekannte.
Und irgendwann wird aus:
„Ich traue mich nicht.“
ein:
„Ich kann das nicht.“
Das sind zwei sehr unterschiedliche Aussagen.
Und wenn ich tatsächlich scheitere?
Du kannst dich bewerben und eine Absage bekommen.
Du kannst Interesse zeigen und feststellen, dass es nicht erwidert wird.
Du kannst etwas Neues anfangen und merken: Das funktioniert so nicht.
Und trotzdem beantwortet Scheitern nicht die Frage:
„Bin ich gut genug?“
Es beantwortet eher:
„Hat dieser Versuch unter diesen Bedingungen funktioniert?“
Und genau deshalb gehört Scheitern zum Lernen dazu.
Ich finde unsere häufig sehr strenge Haltung gegenüber Fehlern dabei spannend. Fehler werden schnell als etwas empfunden, das möglichst vermieden werden sollte.
Dabei besteht Entwicklung fast immer auch aus Versuchen, die nicht funktionieren.
Welches Unternehmen ist nicht schon mal gescheitert und hat dadurch einen neue Richtung oder Entwicklung erlebt.
Welches Kind lernt laufen ohne hin zu fallen, zu lernen wie Balance funktioniert.
Das bedeutet nicht, dass Scheitern angenehm sein muss.
Aber wenn wir niemals scheitern dürfen, müssen wir zwangsläufig vieles vermeiden, dessen Ausgang wir nicht kontrollieren können.
Und damit wird unser Leben ziemlich klein.
„Lass mal an uns selber glauben“
An dieser Stelle muss ich an eine Zeile von Julia Engelmann denken:
„Lass mal an uns selber glauben.“ in One Day / Reckoning Text
Ich mag diesen Satz, weil ich daraus gar kein großes „Du musst nur an dich glauben“ machen möchte.
Vielleicht musst du nämlich gar nicht vollkommen davon überzeugt sein, dass du gut genug bist.
Vielleicht reicht für den Anfang etwas viel Kleineres:
Nicht mehr automatisch davon auszugehen, dass du es nicht bist.
Nicht:
„Ich schaffe das ganz bestimmt.“
Sondern:
„Vielleicht kann ich es. Ich darf es zumindest herausfinden.“
Fragen für deinen inneren Bewerter
Wenn du das nächste Mal bemerkst, dass du dich mit anderen vergleichst oder dich selbst schon aussortierst, bevor jemand anderes überhaupt die Möglichkeit dazu hatte, kannst du dich fragen:
Was behaupte ich gerade über mich – und ist das wirklich eine Tatsache?
Welche Beweise finde ich für meinen Gedanken? Und welche Gegenbeweise blende ich vielleicht aus?
Mit wem vergleiche ich mich gerade – und ist dieser Vergleich überhaupt fair?
Wovor schützt mich der Gedanke „Ich bin nicht gut genug“? Vor Ablehnung? Enttäuschung? Scham? Scheitern?
Was kostet mich dieser Schutz?
Was wäre ein kleiner Schritt, wenn ich nicht vorher wissen müsste, wie er ausgeht?
Möchte ich wirklich, dass mein innerer Bewerter entscheidet, welche Türen ich überhaupt öffnen darf?
Selbstzweifel müssen nicht verschwinden, bevor du losgehst
Es geht nicht darum, nie wieder an dir zu zweifeln, nie einen Fehler zu machen oder zu scheitern.
Auch selbstbewusste Menschen kennen Unsicherheit, Vergleiche und Angst vor Ablehnung.
Der Unterschied kann darin liegen, ob diese Gedanken das letzte Wort bekommen.
Vielleicht sagt dein Kopf weiterhin: „Du bist dafür bestimmt nicht gut genug.“
Und vielleicht kannst du irgendwann antworten:
„Kann sein. Kann aber auch sein, dass ich mich irre. Ich werde es herausfinden.“
In meiner Praxis für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz und psychologische Beratung in Würzburg begegne ich Themen wie Selbstzweifeln, Selbstwert, Perfektionismus, Angst vor Ablehnung und schwierigen Entscheidungen immer wieder.
Dabei geht es nicht darum, sich einzureden, dass man alles schaffen kann.
Es geht darum, sich nicht schon selbst aus Möglichkeiten auszuschließen, bevor das Leben überhaupt eine Antwort geben konnte.
Denn manchmal ist die wichtigste Tür genau die, von der dein innerer Bewerter behauptet, dass du dort sowieso nichts verloren hast.


